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Krieg und Frieden

– Bismarck, die schwärende Wunde und die Nikolai-Kirche



„Der große Friede ist etwas wesensmäßig anderes als der Nichtkrieg.“

- Martin Buber, aus seiner Friedenspreisrede 1953

 


In Hamburg steht eines der größten Bismarck-Denkmäler Deutschlands. Eingeweiht 1906 demonstriert es seitdem übermenschliche Macht: Ausdruck der Abschreckung gegen äußere Feinde und gleichzeitig ein erstarrtes und verewigtes NEIN zu jedem lebendigen, organischen Wandel, der immer wieder alles neu werden und vergehen lässt – auch Weltreiche.

 

Das ganze Denkmal ist 36 Meter hoch, 15 Meter davon nimmt Bismarcks Statue ein – der eiserne Kanzler, in dieser Stellung die Personifizierung und Verewigung eines Panzerbollwerks gegen jedes menschliche Mitfühlen. Der Komplex bedeckt eine Fläche von vielleicht 40 Quadratmetern und ist auf eine kleine Anhöhe in eine Grünfläche gepflanzt, zwischen Venusberg (der Name einer Straße, die hinter dem Denkmal liegt) und Reeperbahn, der berühmten Hamburger Rotlichtmeile.

 

 

Seit etwas über hundert Jahren entfaltet das massive Quadergebilde an dieser Stelle seine Aura. Hier ist nicht gut sein, der Platz ist verwahrlost, und obwohl dort Bänke stehen, ist es nicht einladend, dort zu sitzen. Am Fuße dieses Ungetüms zu stehen lässt mich schaudern. Nicht weil ich Angst vor Größe habe, sondern weil diese Demonstration von aufgesetzter Macht in ihrer versteinerten Starre so durch und durch lebensfeindlich ist – eine Vergewaltigung der lebendigen Erde, der wachsenden, vor Lebenskraft vibrierenden Fruchtbarkeit, die Symbol für alles Weibliche in Männern wie in Frauen ist. Dieser graue Klotz hindert alles, was er bedeckt, am Atmen, am sich Entfalten, am lebendigen Wachsen und Vergehen – und vielleicht sogar die ganze Umgebung, in die er mit seiner Wucht hineinwirkt.

 

 

 


Das Steinmassiv spricht beredt von einer schmerzhaft engen, zutiefst vereinsamten und entseelten Männlichkeit, die jeden Bezug zu ihren lebendigen Wurzeln im Schoß des Weiblichen verloren hat. Sie ist zugleich das, was es uns ermöglicht, Krieg zu führen, und das, was uns veranlasst, das Weibliche überall dort, wo es sich zeigt und in seiner schöpferischen Lust, Zartheit und Fruchtbarkeit sprießen will, gewaltsam zu unterdrücken. Immer wieder aufs Neue, einzeln, privat, öffentlich, kollektiv ... in unzähligen lieblosen sexuellen „Akten“ in Ehebetten und Rotlichtvierteln, bis hin zu Missbrauch und Vergewaltigung, in Denkmälern wie diesen, in Worten und Gedanken und vielem mehr.


Krieg und Vergewaltigung des Weiblichen sind zwei Seiten derselben Medaille. Nicht umsonst gehört es unverzichtbar zu jedem Krieg, das Weibliche aller Altersstufen des Gegners brutal zu misshandeln und zu vergewaltigen. Dahinter steht nicht nur aufgestauter sexueller Druck, sondern auch hasserfüllte Rache am Gegner und am Weiblichen an sich. Alle Kriege dieser Welt beginnen letztlich an unser aller tiefster Wunde – bei Männern und Frauen, die sich mehr hassen als lieben und ungeliebte Kinder in die Welt setzen – und verewigen ihn immer wieder aufs Neue. Deshalb kann es keinen Frieden auf Erden geben, solange Krieg in der Liebe herrscht.

 

In diesem Sinne finde ich es bemerkenswert, dass das monumentale Ungetüm des Bismarck-Denkmals gerade an dieser Stelle Hamburgs Wache hält, zwischen Reeperbahn und Venusberg. Für mich fühlt es sich an wie das Symbol einer verewigten Blockade, die alle Heilung und das Beschreiten neuer Wege verhindert.

 

Eine Freundin von mir hat die Reeperbahn einmal als „schwärende Wunde“ bezeichnet, und wenn ich selbst dort bin, empfinde ich das als gelungene Beschreibung. Was hier schwärt, ist die Wunde der tiefsitzenden Angst und Missachtung, des Krieges zwischen Mann und Frau, die Wunde von Vergewaltigung und Missbrauch, auch wenn sie geduldet und bezahlt werden. In der Siedlung hinter dem Denkmal kann ich etwas aufatmen, doch liegt auch hier die Unterdrückung alles lebendigen Wandels und Wachsens noch in der Luft.

 

Wenn ich am Bismarck-Denkmal stehe, drängt alles in mir nach einer (Er)lösung, die endlich den Weg für Heilung ebnet. Ein möglicher erster Schritt dazu ergab sich spontan nach einem Besuch in der Hamburger Nikolai-Kirche, die 1943 während des Feuersturms über Hamburg zerstört wurde. Ihre Ruine liegt ein Stück vom Bismarck-Denkmal entfernt im Zentrum Hamburgs, nahe am Domplatz, dem Entstehungskern der Stadt. Ebenso wie das Bismarck-Denkmal Mahnmal für unzeitgemäße (und doch in unser aller Psyche und überall auf der Welt immer noch gegenwärtige) Demonstration eines entseelten Machtanspruches ist, ist die Kirchenruine jetzt Mahnmal zum Gedenken an alle, die durch Krieg und Gewalt leiden. Für mich gehören die Nikolai-Kirche und das Bismarck-Denkmal zusammen.


Beide sprechen – jedes auf seine ganz eigene Weise – von Krieg, vom Vormachtsanspruch entwurzelter Männlichkeit, von Unterdrückung und Vernichtung alles Lebendigen. Die Kirche als Ruine, und die Kirche als Institution. Als Ruine ist sie Mahnmal. Als Institution hat auch sie, obwohl vordergründig kein Ort des Krieges, mit ihrer massiven Unterdrückung lebendiger Weiblichkeit und Sexualität und mit ihrem christlichen Vormachtsanspruch beachtlichen Anteil an den Kriegen dieser Welt. Zudem steht Bismarck für das eine Deutsche Reich, und die Nikolai-Kirche wurde gegen Ende des anderen, dritten, Deutschen Reiches zerstört – in meiner Fotoschöpfung kommen beide zusammen:

 

 

 

Reue

 

  © 2008 Petra Mecklenburg