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Das Singen der Amsel

 

 

Vollkommen klar und rein, mit unnachahmlicher Einfachheit, Eindringlichkeit und Süße, schwebte eine anmutige Folge von Harmonien aus der Kehle des unscheinbaren schwarz-brauen Vogels in die Welt hinaus. An diesem Tag lockte das Singen der Amsel Kräfte hervor, die seit Menschengedenken im Verborgenen geruht hatten. Sie waren stärker als alles, was der Mensch bisher kannte. Mit ebenso großer Sanftheit wie Bestimmtheit durchdrangen sie alles, was eine irdische Form hatte, und begannen, alles was unheil war, zu heilen. So begann die Heilung der Erde. Und mit ihr die Heilung aller Wesen, die auf ihr lebten, denn die Körper aller Wesen sind ja eins mit dem Körper der Erde. Sie sind aus ihrem Staub gemacht und Wohnstätten derselben Seele, die auch die Erde belebt – und das Singen der Amsel inspiriert.

Was war geschehen, dass das Singen des kleinen unscheinbaren Vogels plötzlich, von einem Augenblick zum anderen, in der Lage war, diesen gewaltigen, gewaltlosen, heilsamen Wandel einzuleiten?

Die Zahl der Menschen, die das wahre Leben wollten, war erreicht. Kein Mensch auf der Erde kannte diese Zahl oder wusste auch nur um sie, nur die Amsel. Das war die Spielregel. Nur die Amsel würde wissen, wann die Zahl erreicht war.

Streng genommen ist „wissen“ das falsche Wort, denn wir verbinden es normalerweise mit einem Aspekt des menschlichen Bewusstseins. Die Amsel wusste nicht, wie ein Mensch wissen würde, dass die Zahl erreicht war. Es war vielmehr so, dass ihr Singen mit dieser Zahl verbunden war, und sich nach ihr richtete. Das war möglich, weil ihre Seele und die Seele, die die Menschen inspirierte, dieselbe waren.

Bisher hatten die Menschen den freien Willen gehabt, sich gegen das Heilsein zu entscheiden, die Trennung zu wählen, so lange sie wollten. Sie hatten die Freiheit gehabt, den ganzen Planeten zu zerstören, wenn sie das wählen würden. Aber in dem Augenblick, wo genügend Menschen frei-willig, aus ihrem freien Willen heraus JA sagen würden zum Heilsein, würde der Gesang der Amsel dies verkünden und damit eine Kettenreaktion in Gang setzen, die bisher auf der Erde nicht ihresgleichen erlebt hatte.

Niemand außer der Amsel kannte die Zahl der Menschen, die es dazu brauchte, aber alle anderen würden von der Amsel erfahren, dass sie erreicht war, dass die Weichen für die neue Zeit unwiderruflich gestellt waren. Zuallererst das Wasser, die Pflanzen und die Steine.

Die Amsel mit ihrem Singen, das Wasser mit seinem Fließen, die Pflanzen mit ihrem Wachsen und die Steine mit ihrem Sein hatten von nun an Schlüsselrollen in dieser Kettenraktion. So war es vorgegeben. Alle Geschöpfe, auch die Menschen, trugen, ohne sich dessen bewusst zu sein, Quellcodes in ihrer DNS, die sicherstellten, dass alles so verlaufen würde, wie die Spielregeln es vorsahen.

Das menschliche Spiel auf dem Planeten Erde bestand darin zu erfahren, wie es war, den freien Willen zu haben, Heilsein oder Unheilsein zu wählen. Es bestand darin zu erfahren, wie es war, sich von allem getrennt zu fühlen, solange die Wahl auf das Unheilsein fiel. In Wahrheit ist die ganze Menschheit ein einziges Wesen, aber das zu vergessen gehörte mit zum Spiel.

Und nun würde alles heilen, was unheil war. Die Erde war glücklich. Die Amsel, das Wasser, die Steine, die Pflanzen waren glücklich, und mit ihnen alle anderen Geschöpfe. Das Leben auf der Erde war eng und düster gewesen in den vergangenen Jahrhunderten und Jahrtausenden. Leben sehnte sich nach dieser Verbannung danach, die Fesseln der menschlichen Angst abzuwerfen und wieder lustvoll und freudig hervorzubrechen, sich endlich wieder nach Lust und Laune entfalten zu können.

Das Wasser, die Pflanzen und die Steine verstanden das Singen der Amsel als erste. Sie waren diejenigen, die die heilende Energie auf dieses Signal hin in die Welt fließen ließen. Von nun an würde das Fließen des Wassers, das Wachsen der Pflanzen und das Sein der Steine die Kraft haben, alles zu heilen, was es berührte. So war es vorgesehen, und so geschah es jetzt. Niemand hatte gewusst, ob die Erde aus diesem Spiel zerstört oder heil hervorgehen würde. Alle, die die Zeichen des kommenden Wandels lesen konnten, waren voller Freude, dass die Würfel für die Heilung gefallen waren, in letzter Minute, aber sie waren gefallen.

Die meisten Menschen merkten vorerst nichts davon. Im Gegenteil. Für die meisten von ihnen sah es eher so aus, als werde die Erde bald untergehen, obwohl niemand sich das wirklich eingestehen mochte. Die Zeitungen verkündeten weiter Horrornachrichten von Gewalt und Zerstörung, und es gab auch immer mehr Gewalt und Zerstörung auf der Welt. Genau dieses Eskalieren von Gewalt und Zerstörung war das, was genügend Menschen bewogen hatte, eine andere Welt zu wollen, auch wenn sie nicht wirklich wussten, wie das gehen sollte. Aber sie wollten es von ganzem Herzen und mit jeder Faser ihres Seins und waren bereit, dafür das Leben, das sie bisher kannten, gehen zu lassen – und das genügte, um den Code für den Wandel zu aktivieren.

Was geschah als nächstes? Amsel, Wasser, Pflanzen und Steine erinnerten die Menschen daran, dass sie in einem selbst gewählten Alptraum gelebt und gedacht hatten, das sei das einzig mögliche Leben. Jeder Mensch, der von nun an mit dem Singen der Amsel, dem Fließen des Wassers und dem Sein der Steine in Berührung kam, erinnerte sich, dass er ebenso gut Heilsein wählen konnte. Heilsein, Verbundensein und Ganzsein.

Dieses Wählen war ja den Menschen vorbehalten. Der freie Wille, Ja oder Nein zum Heilsein zu sagen, ist eines der beiden besonderen Merkmale der Menschen.

Das andere ist, dass nur der Mensch alle Seinsarten der übrigen Geschöpfe in sich vereint: das Singen der Amsel, das Fließen des Wassers, das Wachsen der Pflanzen und das Sein der Steine. Das Wesen der Amsel ist, zu singen. Das Wesen des Wassers, zu fließen. Das Wesen der Pflanzen, zu wachsen und das Wesen der Steine, zu sein. Aber das Wesen des Menschen ist, zu singen, zu fließen, zu wachsen und zu sein.

Das ist der Grund für die besondere Stellung des Menschen innerhalb der irdischen Schöpfung. Viele hatten das falsch verstanden. Sie hatten instinktiv gespürt, dass etwas am Menschen besonders war, aber fälschlicherweise geglaubt, es sei der Verstand und unsere Möglichkeit, Wissen anzusammeln, was uns besonders machte. Doch das war nicht das Wesentliche. Das Wesentliche war der freie Wille und das Zusammenspiel von Singen, Fließen, Wachsen und Sein.

Deshalb waren auch Amsel, Wasser, Pflanzen und Steine die wichtigsten Lehrer der Menschheit. Doch das hatten die Menschen vergessen. Ebenso wie sie vergessen hatten, dass sie die Wahl hatten, Heilung zu wählen.

Aber im Verlauf der Kettenreaktion, die nun in Gang gesetzt war, würde die Erinnerung wiederkehren. Das Singen der Amsel, das Fließen des Wassers, das Wachsen der Pflanzen und das Sein der Steine würden von uns an die Erinnerung in den Menschen wecken. Sanft, bedingungslos und beharrlich. Der freie Wille hatte entschieden.

 

 

 © 2007 Petra Mecklenburg