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Der Weg durch den Sturm

– Weltarbeit nach Arnold Mindell

 

 

„Ich hatte einen Traum, meine neue Klientin sei die Welt.“

Arnold Mindell

 

 

Im Buch Der Weg durch den Sturm von Arnold Mindell (Vianova-Verlag 1997) geht es um Konfliktlösung in Gruppen. Wenn ich es lese, bin ich richtig mitgerissen von seiner wahrhaft „stürmischen“ Leidenschaft, alles, aber auch wirklich alles, was ist – alle Ebenen, alle Aspekte, alle Dimensionen – miteinzubeziehen. In ihrer Offenheit für alles, was scheinbar unsichtbar auf uns wirkt, ist seine Arbeit schamanisch.

Arnold Mindell arbeitet sowohl mit Einzelnen als auch mit Gruppen und Großgruppen in allen Erdteilen, um soziale Konflikte, Beziehungs-, Welt- und Umweltprobleme zu heilen. Sein Streben ist, Interventionen zu finden und entwickeln, die in allen Kulturen und unter allen Umständen wirksam sind. Vor allem liegt ihm daran, „Werkzeuge“ zu erforschen, die auch in einem emotional stark aufgeladenen und „aufgeheizten“ Umfeld wirksam sind – das ja weltweit an zahllosen Krisenherden Wirklichkeit ist. Nach seiner Erfahrung genügen in einer emotional „geladenen“ Gruppe im günstigen Fall eine Handvoll bewusster und in Interventionen der Weltarbeit erfahrener Menschen, um das Feld im Sinne von Lösung und Heilung zu beeinflussen.

Er nennt seinen Ansatz, mit Gruppen und Gruppenkonflikten zu arbeiten, Weltarbeit – für ihn ist die ganze Welt seine Klientin. Das Buch enthält eine Fülle von Beispielen, Erfahrungen, Übungen und Werkzeugen aus Mindells Arbeit und ist in meinen Augen eine Fundgrube für alle, die mit Gruppen oder speziell mit Konfliktlösung in Gruppen arbeiten. (Aus dieser Fülle beschreibe ich hier auf den folgenden Seiten einige wesentliche Aspekte seiner Weltarbeit, die mir im Zusammenhang mit CB (einem Gruppenprozess, den ich aus eigener Erfahrung kenne: Gemeinschaftsbildung nach den Kommunikationsempfehlungen von Scott Peck) bedeutsam erscheinen.)

Drei Begriffe, die für Arnold Mindells Arbeit mit Gruppen zentral sind, will ich hier kurz erläutern:

spirits of the time – (wandelbare) kollektive Geister

deep democracy – tiefe Demokratie

und Weltarbeit

Wesentliche Aussagen Arnold Mindells zu diesen Begriffen (die ich hier statt einer Definition anführe) sind: Weltarbeitsmethoden dürfen nicht voraussetzen, dass die verantwortlichen Facilitatoren bzw. Gruppenleiter immer in sich zentriert sind – einfach weil dies nicht immer der Fall sein wird. Auch Gruppenleiter werden manchmal in den Strudel ihrer eigenen Gefühle oder einer kollektiven Stimmung gezogen.

Werkzeuge der Weltarbeit können nur erfolgreich eingesetzt werden, wenn gewisse persönliche Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehört nach Mindells Erfahrung vor allem die Haltung der tiefen Demokratie, die unerschütterlich an die Wichtigkeit aller Teile eines Ganzen glaubt, an die Bedeutung all unserer Persönlichkeitsanteile und aller verschiedenen Sichtweisen in der Welt um uns herum. „Die Haltung der tiefen Demokratie hingegen muss danach streben, eine Weltarbeit zu entwickeln, die sich mit allen abgibt, auch mit Menschen in gewalttätigen emotionalen Verfassungen und in chaotischen Umständen, da es in Perioden schneller Veränderungen sowieso vor allem solche Menschen gibt.“ (Arnold Mindell)

Tiefe Demokratie ist die Grundlage der Einsicht, dass die Welt existiert, um uns zu helfen, ganz und heil zu werden, unser wahres Selbst zum Ausdruck zu bringen. Und dass wir wiederum existieren, um der Welt zu helfen, ganz zu werden und heil zu sein. Die innere Haltung der tiefen Demokratie und die dazu erforderliche innere Entwicklung im Verein mit den Werkzeugen der Weltarbeit sind nach Mindell die besten Voraussetzungen, selbst eskalierende globale Konflikte in der äußeren Welt zu lösen und heilen zu lassen.

Spirits of the time – ich würde das mit (wandelbare) kollektive Geister übersetzen, in der deutschen Übersetzung des Buches heißen sie „Zeitgeister“ – sind Archetypen, die sich zu bestimmten Zeiten durch bestimmte Menschen ausdrücken. Diese Archetypen kommen aus dem Unbewussten ans Licht, wenn wir ihnen erlauben, durch uns zu sprechen, oder wenn sie von uns Besitz ergreifen; und sie sind wandelbar, wenn wir ihnen Raum geben, sich zu entfalten und sich zu zeigen. Diese Geister sind Teil des Feldes, das die ganze Gruppe bildet und treten zunächst in sich streibar gegenüberstehenden Kontrahentenpaaren auf: Kommunisten und Kapitalisten, Realos und Fundis, Arbeiterinnen und Manager, arme Länder und reiche Länder, Täter und Opfer, Heldinnen und Schurken und so weiter.

Arnold Mindells Felddenken und die Erfahrungen, die er mit Gruppenfeldern beschreibt, lassen mich viele Erfahrungen beim CB ("Gemeinschaftsbildung", siehe Link weiter oben) über die persönliche Ebene hinaus in einem globalen Zusammenhang erleben und in all ihren vielschichtigen Verknüpfungen und Implikationen bewusster wahrnehmen. Aus seiner Feldsicht ist eine Gruppe oder Organisation nicht eine Ansammlung von Menschen, sondern ungleich komplexer: Zusammen mit ihren Träumen und Untergrundströmungen ist sie ein Feld, das sich in physischen Strukturen, menschlichen Gefühlen, einer bestimmten Atmosphäre und umrissenen Aufgaben und Rollen manifestiert.

Bei jeder Begegnung oder in jedem Zusammenkommen von Menschen wirken unsichtbare Einflüsse, die sich in den Stimmungen, Motivationen, Gruppenproblemen, Depressionen, Illusionen und Träumen der Gruppenmitglieder zeigen. Organisationen oder Gruppen werden zum Beispiel von interner Eifersucht heimgesucht und durch Konkurrenz, Liebesaffären, Suchtprobleme mit Alkohol und Drogen sowie Kämpfe der Untergruppen geschüttelt. Persönliches, Individuelles und Kollektives, Materielles und Feinstoffliches, Sichtbares und Unsichtbares, Bewusstes und Unbewusstes – all das gemeinsam macht also das Feld einer Gruppe oder Organisation aus.

Zum Teil werden die Kräfte, welche auf uns einwirken, von der Physik, der Geologie und der Psychologie beschrieben. Weil aber unsere Welt auch von menschlichen Beziehungen und dem Zusammenleben von Gruppen, Städten und Nationen und von der internationalen Dynamik bestimmt wird, gehören die Macht der Träume, die Körpererfahrungen, die Dynamik von Familien und Gruppen und die Art, wie sich Organisationen entwickeln, ebenfalls zu diesen Kräften. Weil sich unser Planet in vieler Hinsicht wie ein riesiges lebendes Wesen zu verhalten scheint, muss sich Weltarbeit zudem auch mit der lebendigen Ganzheit von Gruppen beschäftigen und die Mythologien und Religionen der Welt verstehen. Sie muss dabei helfen, aus der Asche gescheiterter Regierungsformen neue Kulturen zu schaffen.“ (Arnold Mindell)

Das Feld, das eine Gruppe ist, ist wiederum eingebettet in und Teil größerer Felder, und letztlich ist die ganze Welt ein einziges zusammenhängendes Feld, in dem alles mit allem verbunden ist.

An einer Stelle im Buch spricht Arnold Mindell von der „unheimlichen und ehrfurchtgebietenden Natur der Gruppenfelder, die die Welt durchdringen, in der wir leben“.

Ein Feld, auch das Feld, das unsere Welt ist, hat weder Innen- noch Außenseite. Die Atmosphäre unserer Welt, die kollektiven Geister, beeinflussen – wo immer wir sind und in welcher Gruppe wir uns auch gerade befinden – unsere Körper, zerren an unseren Beziehungen, polarisieren und trennen uns von Freunden und Familienmitgliedern oder vereinen uns mit ihnen. In diesem Feld geht es darum alles, was verborgen ist, ans Licht kommen, sichtbar und hörbar, spürbar und wahrnehmbar werden zu lassen, damit das Feld kongruent und damit kraftvoll und heil sein kann. Alles Verborgene – zum großen Teil ist ja Unschönes, Unheiles, Beängstigendes verborgen – ist unsichtbare Ursache für Konflikte. Konfliktlösung braucht das Bewusstmachen von unbewusst Vorhandenem, damit es als Konfliktauslöser oder -ursache klar zutage treten kann. Mit dieser Bewusstmachung werden Wege der Konfliktlösung deutlich und teilweise bereits in die Wege geleitet. Solange das Feld inkongruent ist (das heißt solange Bewusstes und zum Beispiel Unbewusstes im Widerspruch zueinander stehen), sind Konflikte vorprogrammiert. Wenn das Feld kongruent ist, ist das, was eine Gruppe glaubt, identisch mit dem, was sie tut. Innerer Frieden und eine kraftvolle und schöpferische Ausrichtung sind die Folge.

Was braucht es Mindells Erfahrung nach, um Konflikte in Gruppen zu lösen?

Aus Selbsterfahrungsgruppen kennen wir das Zurücknehmen von Projektionen. Beim Zurücknehmen von Projektionen verwandeln wir unser „Du bist böse“ oder „Du bist viel größer und besser als ich“ in eine Aussage und Einsicht über uns selbst: „Ich fühle mich böse“ oder „Ich fühle mich dir unterlegen“. Das Zurücknehmen von Projektionen ist offensichtlich sehr wichtig, und wenn eine Person oder eine Seite dies tut, können Probleme oft schnell gelöst werden.

Aber ebenso häufig kehren negative Projektionen zurück oder entstehen neu, nachdem sie scheinbar aufgelöst worden sind.

Gewisse Konflikte scheinen sich zu wiederholen, als wenn sie nicht von Menschen, sondern von kollektiven Geistern (spirits of the time – wandelbare kollektive Geister) erzeugt würden. Deshalb sieht Arnold Mindell das Zurücknehmen von Projektionen nur als einen Teil der Weltarbeit. Sein darüberhinausgehender Ansatz ist, auch die Spannungen im Gruppenfeld bearbeiten, so als sei es das Feld selbst, das versucht, sich auszudrücken. Aus der Sicht der Weltarbeit ist ein Konflikt innerhalb einer Gruppe ein Versuch der kollektiven Geister, sich aneinander zu reiben. In solchen Fällen können sich einzelne Menschen benehmen oder fühlen, als würden sie von diesen miteinander streitenden Geistern als Kanäle benützt.

In der Arbeit mit Gruppen kann tiefe Demokratie auch heißen, dass wir wahrnehmen, wie Gruppenkonflikte und politische Konflikte mit den jweiligen kollektiven Geistern zusammenhängen.

Die Rollen, die wir in einem Gruppenfeld spielen, sind also nicht nur und nicht immer persönlich oder individuell. Oft sind wir offensichtlich Kanal für bestimmte archetypische kollektive Energien, die wir überall auf der Welt finden. Diese Energien sind wie Figuren in unseren Träumen; oder wie Strudel oder Stromschnellen in einem sonst unsichtbaren Feld. Wenn wir uns in einem bestimmten Feld mit einem solchen „Geist“ identifzieren, fühlen wir tatsächlich die Gefühle dieses Geistes, als wären es unsere eigenen. Wir agieren wütend oder aufgeblasen, fühlen uns heldenhaft oder als Opfer. Die Energien des betreffenden Geistes lassen uns launisch oder besessen, verrückt oder lustig, deprimiert oder selbstmordgefährdet auftreten.

Bei all dem ist wichtig, im Auge zu behalten, dass wir uns von den Rollen, die wir in einem Feld einnehmen, unterscheiden. Als Individuen sind wir zu komplex und haben zu viele Facetten, um uns auf irgendeine Rolle festzulegen, auch wenn wir vorübergehend von einem kollektiven Geist besessen sind. Einzelne Menschen sind nie nur mit diesen Geistern identisch. Jede von uns hat das Potenzial, gleichzeitig viele verschiedene Gefühle und Geister in sich zu tragen und auszudrücken oder sinnvoll einzusetzen.

Diese Sichtweise finde ich auch beim CB ("Gemeinschaftsbildung", siehe Link oben) äußerst hilfreich und fruchtbar, denn sie kann uns helfen, nicht alles, was andere uns rückmelden, sagen oder vorwerfen, automatisch persönlich zu nehmen. Wenn ich etwas nicht automatisch persönlich nehme, kann ich es viel bewusster an mich heranlassen; es mir zunächst einmal mit Abstand ansehen; mich dann davon berühren lassen, wenn es mich berühren will, anstatt zu erlauben, dass es sich über mich stülpt; spüren, was es mit mir zu tun hat, ohne es sogleich abzuwehren und ohne mich automatisch schuldig fühlen zu müssen. Unsere Reaktion auf die Chaosphase im CB ist völlig anders, wenn wir das, was durch uns ans Licht kommen und ausgedrückt werden will und was wir von anderen hören und sehen, auf diese Art sehen, als wenn wir alles persönlich nehmen.

Auch Arnold Mindells Einsichten zur Natur von Chaos finde ich ermutigend, sowohl für das Erleben und Durchleben der Chaosphase im CB als auch für das, was sich global immer mehr anbahnt: ein Zusammenbrechen hergebrachter Strukturen. Er sagt dazu: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass soziale Ereignisse, welche zuerst zufällig und chaotisch zu sein scheinen, sich durch die Wirkung vorher verborgener Parameter immer sinnvoll und in einer gewissen Ordnung entwickeln. Turbulente Situationen, welche sich in Zeiten rascher Veränderungen oder sogar während Revolutionen abspielen, enthalten potentiellen Sinn und Ordnung. ... Auch körperliche Krankheiten, seelische Erkrankungen und chaotische Beziehungsprobleme sind sehr genau strukturiert. Das Wissen darum, wie diese Strukturen und Muster gefunden und entfaltet werden können, führt zu einem Gefühl der Stille, ins Auge des Taifuns inmitten der globalen Verwirrung.“ (Arnold Mindell)

Eine wesentliche Aussage und Erfahrung aus Arnold Mindells Arbeit ist, dass diese Energien keine statischen, dauerhaften Zustände oder Gegensätze, sondern wandelbar sind. Wenn wir mit diesen kollektiven Geistern so umgehen, dass wir uns bewusst mit ihnen identifizieren, sie schmecken und von innen erleben, sie spielen und sich durch uns ausdrücken lassen, verändern und wandeln sie sich – und Heilung von dem, was vorher un-heil war, wird eingeleitet. Wenn zum Beispiel die Rolle einer Person, die zunächst absolut bösartig zu sein scheint, auf diese Weise bearbeitet wird, kann diese Tiefe und Mitgefühl entfalten. Genauso kann sich eine Person in einer puritanischen und moralischen Rolle unerwartet rasch in eine tyrannische und böse Figur verwandeln.

Darum geht es in der Weltarbeit, und das ist ebenfalls ein wesentlicher Aspekt der Gemeinschaftsbildung nach den Kommunikationsempfehlungen von Scott Peck (CB). Die radikale Einschließlichkeit von Mindells Ansatz erinnert mich an CB, geht aber in ihren schamanischen Aspekten über das hinaus, was zumindest ich bisher beim CB erlebt habe. Anders ist auch, dass seine Arbeit, wie die eines Therapeuten oder Supervisors, in gewissem Maße von seinen Interventionen abhängig bleibt.

Er versteht sich als Facilitator. Das ist ja auch die englische Bezeichnung für die Begleiter beim CB, nur sind die Begleiter beim CB als vorübergehende Ausnahme gedacht, während von Beginn an darauf geachtet wird, dass die Gruppe in die Lage kommt, sich selbst zu regulieren und auf Dauer als "group of all leaders" weiterzumachen.

 

 

© 2009 Petra Mecklenburg

 

Eine Beschreibung des Gemeinschaftsbildungsprozesses findet sich in meinem Essay Unter Menschen